Mittwoch, 27. Dezember 2017

Masse statt Klasse

Der Film "Mord im Orient Express" von Kenneth Branagh


Die Besetzungsliste liest sich wie das Who-is-who derzeit aktiver Schauspieler und wirkt wie eine Hommage an den Oscar-gerühmten Vorläufer von 1974. Auch seinerzeit glänzten die Stars der Branche im legendären Zug um die Wette. Anders als in der aktuellen Version gelang ihnen das jedoch ausnehmend gut. In Branaghs Adaption von 2017 wird jeder Funke eines Funkelns erstickt - einerseits von der übermächtigen Kulisse; andererseits von einem Übermaß an Ambition.

Schon die Einführung der Detektiv-Figur lässt Schlimmes ahnen. Doch der buchstäbliche Eiertanz und die actiongeladene Ringparabel werden tatsächlich noch getoppt: Mit einem lächerlich anmutenden Bart und tuntigem Gehabe wirkt Branaghs Poirot einfach nur peinlich. Hinzu kommen künstlich wirkende Stadt- und Landschaftsaufnahmen sowie der Einfall, Teile der Handlung außerhalb des Zuges anzusiedeln.

Allein damit nimmt Branagh dem ursprünglichen Kammerspiel viel von seinem Reiz. Ein weiterer Fauxpas sind die allzu platten Charaktere und ihre eigenartige Interpretation. So wenig wie Penélope Cruz als missionierendes Kindermädchen überzeugt, so unglaubwürdig wirkt Johnny Depp als zu Tode geängstigter und schutzbedürftiger Kunsthändler.

Einen beeindruckenden Effekt hat die wiederholte Bird-Eye-Perspektive. Da sie beim Filmen eher selten genutzt wird, verfehlt sie ihre Wirkung nicht - vor allem in jenen Momenten, die die Entdeckung des Mordes zeigen.

Die üble Krönung des aufgerüschten Bombastes bildet die Schluss-Szene im Tunnel (??!!). Die Riege der Täter als Abendmahls-Gesellschaft mit einem Moral predigenden Poirot pro se - also bitte!